Erst seit 2020 zählt Adipositas offiziell als eigenständige Krankheit, obwohl rund 16 Millionen Menschen allein in Deutschland darunter leiden. Mit mehr als einer Milliarde Menschen weltweit zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Adipositas sogar als Epidemie. Auch wenn ungesunde Ernährung und fehlende Bewegung zu den Ursachen für die Erkrankung zählen, sind die grundlegenden Mechanismen vielschichtiger.
Insulinempfindlichkeit im Gehirn
Eine zentrale Rolle nimmt das Hormon Insulin ein, welches vereinfacht gesagt dafür sorgt, dass wir Glukose für die Energiegewinnung nutzen können. Viele vorherige Untersuchungen deuteten bereits darauf hin, dass das Hormon im Gehirn zu Stoffwechsel- und neurodegenerativen Erkrankungen führt. So steht die Insulinempfindlichkeit im Zusammenhang mit einer langfristigen Gewichtszunahme und ungesunder Körperfettverteilung. Forschende des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) haben nun neue Erkenntnisse zur Rolle des Gehirns bei Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 erlangt.
In der Studie nahmen 29 normalgewichtige männliche Freiwillige teil, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Die erste Gruppe sollte zusätzlich zu ihrer Ernährung für fünf Tage 1500 kcal in Form von hochverarbeiteten, kalorienreichen Snacks zu sich nehmen, die zweite Gruppe ließ diese zusätzlichen Kalorien weg. Nach der Eingangsuntersuchung erfolgte eine Untersuchung direkt nach den fünf Tagen und eine weitere sieben Tage, nachdem die erste Gruppe wieder zu ihrer normalen Ernährung zurückgekehrt war. Die Forschenden untersuchten mittels MRT die Veränderungen im Gehirn und den Fettgehalt der Leber.
Regulation durch Insulin sinkt
Es zeigte sich, dass der Fettgehalt der Leber signifikant anstieg und sich die Insulinempfindlichkeit deutlich reduzierte. Zum Erstaunen der Forschenden hielt diese Veränderung auch bei der zweiten Kontrolluntersuchung an, eine Woche nach der Rückkehr zur regulären Ernährung. Diese Beobachtung wurde bisher nur bei bereits krankhaft übergewichtigen Menschen beobachtet, nicht bei normalgewichtigen. „Wir gehen davon aus, dass sich die Insulinreaktion des Gehirns an kurzfristige Änderungen der Ernährung anpasst, bevor überhaupt eine Gewichtszunahme eintritt und somit die Entwicklung von Übergewicht und weiterer Folgeerkrankungen begünstigt“, schlussfolgert Prof. Dr. Andreas Birkenfeld, Ärztlicher Direktor der Inneren Medizin IV, Direktor des IDM und DZD-Vorstand sowie Letztautor der Studie.
Diese gravierende Veränderung der Insulinempfindlichkeit im Gehirn kann als Ursache im Gehirn für Adipositas und Diabetes gesehen werden, so die Forschenden. Im gesunden Zustand hat Insulin eine appetitzüngelnde Wirkung, doch insbesondere bei Menschen mit Adipositas wird das Essverhalten nicht mehr richtig reguliert und es entsteht eine Insulinresistenz. So zeigte sich bei den Studienteilnehmern nach dieser kurzen Umstellung ebenfalls eine Abnahme der Regulation durch Insulin, ähnlich zu Menschen mit krankhaftem Übergewicht.
Quelle: idw
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